Jugend in der Christengemeinschaft

Kurz gefragt

Interview mit Isa Chotsourian

Isa, hier links im Bild, wurde 2000 in Buenos Aires, Argentinien geboren, studiert seit 2018 am Priesterseminar in Stuttgart und ist Praktikantin in Dortmund. Das Interview führte Raphaela Pöllmann, geboren 1999, die ein Jahr lang ein Vorpraktikum in der Gemeinde Köln gemacht hat.

Wie bist du zur Christengemeinschaft gekommen?

Ich bin durch die Sommerferienfreizeiten zur Christengemeinschaft gekommen. Ich hab mich jedes Jahr auf diese Ferienfreizeiten gefreut, da habe ich wie ein Stück Himmel erlebt – diese Ferienfreizeiten im Sommer waren wirklich zwei Wochen, in denen ich selber sein konnte, auch als Kind. Es war der erste Ort wo ich das Gefühl hatte: da kann ich treu zu mir selber sein, da kann ich Ich sein. Vom neunten bis zum zwölften Lebensjahr bin ich zu diesen Ferienfreizeiten gekommen, da habe ich auch die Sonntagshandlung kennengelernt und seitdem waren wir für die Sonntagshandlung und für die großen Feiern, wie Michaeli und Johanni in der Christengemeinschaft. Und ich hab mich immer gefragt, woher kommen diese ganzen Rituale oder wieso ist das so schön da? Ich habe nicht die Waldorfschule besucht, deswegen war das für mich so besonders in die Christengemeinschaft zu kommen.

Woher kommen diese ganzen Rituale? Wieso ist das so schön da?

Ich habe nicht die Waldorfschule besucht, deswegen war das für mich so besonders, in die Christengemeinschaft zu kommen.

Du warst später auch selbst zweimal Helferin bei diesen Freizeiten. Was hat sich für dich geändert?

Also das war sehr spannend. Ich hab dann plötzlich alle die Seiten erlebt, die nicht so schön sind (lacht). Die ganze Organisation, die im Vorfeld stattfindet, und die Schwierigkeiten mit den Kindern. Einmal ist zum Beispiel ein Kind von meiner Gruppe um vier Uhr morgens aufgestanden, hat seinen Koffer gepackt und wollte unbedingt nach Hause laufen. Man erlebt von der anderen Seite ein bisschen mehr die Kulissen von dem Ganzen aber es ist trotzdem unglaublich zu merken, wie besonders und wertvoll diese Zeit für die Kinder ist.

Wie ist es dann weitergegangen?

Mit zwölf Jahren konnte ich nicht mehr zu den Ferienfreizeiten gehen und dann habe ich zu meiner Mama gesagt: “Es ist jetzt an der Zeit, ich gehe jetzt in den Konfirmationsunterricht!“ und das fand auch in der Gemeinde statt. Ich war dann ein Jahr im Konfiunterricht bei Mariano Kasanetz, der jetzt Leiter des Priesterseminars ist. An eine Stunde kann ich mich gut erinnern, in dem er gesagt hat: “Wer weiß, vielleicht wird jemand von euch mal Priester werden.“ Und in dem Moment dachte ich: “Auf keinen Fall!“ Aber die Frage hat mich trotzdem erschüttert. Was soll so etwas, in der heutigen Zeit Priester zu werden?

Jetzt bist du am Seminar. Bist du mit der Intention dahin gegangen, dass du Priesterin wirst?

Am Anfang hielt ich das für unmöglich. Ich dachte, ich werde sowieso irgendwann rausgeschmissen, weil ich so jung bin. (lacht) Ich war tatsächlich erstaunt als ich dann ein Gespräch mit den damaligen Seminarleitern hatte und die mit gesagt haben, dass ich gerne dort studieren kann. Also bin ich dann im nächsten Herbst mit 18 ans Seminar gekommen. Ich habe vorher überlegt ob ich zum Priesterseminar oder zum Jugendseminar gehen soll. Ich wollte einfach ein Jahr die Anthroposophie studieren. Letztendlich habe ich mich dann fürs Priesterseminar entschieden, weil ich ein echtes Studium anfangen wollte, nicht nur eine anfängliche Orientierung.

Also es ging eher ums Studium?

Ja, genau. Nach der Konfirmation war ich viel im Jugendkreis und auch immer aktiv dabei bei allen Tagungen. Da hatten wir uns über die Frage der Berufung genug unterhalten, sogar eine Tagung darüber gemacht. Als ich 16 war, bei einer internationalen Tagung in Córdoba, ist mir das erste Mal die Frage gekommen, ob ich Priesterin werden könnte. Es war für mich trotzdem klar, dass ich zuerst etwas anderes studieren muss und dann mal schauen. Ich wollte eigentlich Medizin studieren oder etwas im Bereich der Forschung oder Biologie. Aber das Studium hat mich dann nicht so begeistert. Als ich dann in die Uni ging und ein paar Tage dort war um zu gucken habe ich gedacht, dass das nichts für mich ist. Es war mir alles zu tot. Ich wollte den Menschen finden, den Menschen verstehen. Und das kann man nur lebendig erfassen.

Wie war das, so weit weg zu ziehen?

Das war schon ziemlich krass. Mit 18 fand ich mich wie abgeschnürt von allem, was mich mal getragen hat: meine Familie, meine Kultur, meine Gewohnheiten. Sogar das Essen war ganz anders, die Jahreszeiten…! Es gab Schnee hier, das war revolutionär für mich. Mir kam überall die Frage entgegen: Wer bist du, wenn nicht deine Familie, deine Kultur, deine Sprache? Wer bist du ohne deine Umgebung? Ich bin unglaublich dankbar, dass ich hier her kommen konnte. Am Anfang wohnte ich in der Gemeinde in Frankfurt und konnte in der Altenpflege arbeiten. Diese Arbeit war sehr schwer für mich. Ich habe trotzdem sehr schöne und wichtige Erfahrungen gemacht, die ich nie vergessen werde. Die Menschen in der Gemeinde haben mir sehr geholfen, weiter zu kommen.

Was war in dem Studium am Seminar dann am spannendsten und was hat dir am meisten Spaß gemacht?

Ich glaube es war das Kabarett, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da habe ich echt gelernt, Witze auf deutsch zu machen, das fand ich super. Vor allem anthroposophische Witze auf deutsch. Die Eurythmie und die Sprachgestaltung waren meine Lieblingsstunden. Die Sprachgestaltung ist unglaublich; man merkt wie viel es an einem selber ändert, die Art, wie man spricht. Man erkennt sich selber wieder in seinen Fehlern. Das war für mich auch eine Revolution, zu lernen, mir selber zuzuhören. Aber ich glaube, dass alle Kurse und alles, was am Seminar möglich ist, eine wertvolle Sache ist. Was da an Menschheitswissen steht! Und an Menschenbegegnung! Die naturwissenschaftlichen Kurse waren für mich sehr besonders. Alles was mit der Materie zutun hat und mit der Verwandlung der Materie.

Das ist spannend, weil du ja eigentlich Medizin studieren wolltest. Das war dann ja quasi ein Zusammenkommen von dem Geistlichen mit der Materie.

Genau. Das ist die Hauptfrage – wie wird die Materie verwandelt?

Viele Leser sind Jugendliche. Würdest du empfehlen, jung ans Seminar zu gehen?

Das erste Jahr würde ich auf jeden Fall für jeden Menschen empfehlen. Auch wenn man erst ein Jahr aus der Schule raus ist. Sich ein Jahr zu nehmen und sich zu überlegen: was bedeutet es, Mensch zu sein und was ist der Sinn der Sache. Ob man dann weitergeht oder ein Praktikum macht, das ist sehr individuell. Man kann alle möglichen Schleifen dazwischen machen, eine Ausbildung oder Familie gründen beispielsweise, es gibt alles mögliche an Wegen und Arten wie man Priester wird.

Wie geht dein Weg weiter?

Ich bin jetzt im dritten Jahr und am Ende dieses Praktikumsjahres, also ungefähr im Sommer, werde ich erfahren wie es weitergeht. Aber bis dann … who knows. Das ist das Spannende an dieser Ausbildung. Man weiß bis zum letzten Moment nicht, was kommt. Und das ist eine Spannung, die man halten muss. (lacht) Man kann lernen, das Schicksal lieb zu haben und darauf zu vertrauen. 

Während meines Praktikums haben mich viele gefragt, ob ich jetzt auch Priesterin werde. Ich habe dann gedacht, dass ich das nicht einfach entscheiden kann, sondern ich muss irgendwie wahrnehmen können, ob es meine Lebensaufgabe ist oder nicht. 

Am Seminar wird man ständig mit der Frage konfrontiert: Was will ich eigentlich? Diese Frage kann dann in die Richtung gehen, dass ich priesterlich in der Welt arbeiten will, aber als Lehrer, Arzt, Mutter oder Bauer. In allem was man macht, kann man priesterlich arbeiten. Es ist eine Möglichkeit von vielen, Priester am Altar zu sein. Deswegen glaube ich, dass dieses Priesterseminar eine Menschenbildung für jeden ist.